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Transit

[...] Das Hotel in der Rue de Vaugirard, schmal und hoch, war ein Durchschnittshotel. Die Patronin war über den Durchschnitt hübsch. Sie hatte ein zartes, frisches Gesicht und ein pechschwarzes Haar. Sie trug eine weiße Seidenbluse. Ich fragte ganz ohne Überlegung, ob ein Zimmer frei sei. Sie lächelte, während mich ihre Augen kalt musterten. "So viele Sie wollen." "Zuerst etwas anderes", sagte ich. "Sie haben hier einen Mieter, Herrn Weidel, ist er zufällig daheim?" Ihr Gesicht, ihre Haltung, veränderte sich, wie das nur bei Franzosen zu sehen ist: Die höflichste unnachahmliche Gleichmütigkeit schlägt plötzlich, wenn da die Fäden reißen, in rasende Wut um. Sie sagte, ganz heiser vor Wut, aber schon wieder in den geläufigen Redensarten: "Man fragt mich zum zweitenmal an einem Tag nach diesem Menschen. Der Herr hat sein Domizil gewechselt, wie oft soll ich das noch erklären?" Ich sagte: "Sie erklären es jedenfalls mir zum erstenmal. Haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, wo der Herr jetzt wohnt." – "Wie soll ich das wissen?" sagte die Frau. Ich merkte langsam, auch sie hatte Furcht, aber warum? – "Sein jetziger Aufenthalt ist mir unbekannt, ich kann Ihnen wirklich nicht mehr sagen."
Den hat am Ende doch die Gestapo geholt, dachte ich. Ich legte meine Hand auf den Arm der Frau. Sie zog ihren Arm nicht weg, sondern sah mich an mit einem Gemisch von Spott und Unruhe. "Ich kenne ja diesen Mann überhaupt nicht", versicherte ich, "man hat mich gebeten, ihm etwas auszurichten. Das ist alles. Etwas, was für ihn wichtig ist. Ich möchte auch einen Unbekannten nicht nutzlos warten lassen." Sie sah mich aufmerksam an. Dann führte sie mich in das kleine Zimmer neben dem Eingang. Sie rückte nach einigem Hin und Her mit der Sprache heraus.
"Sie können sich gar nicht vorstellen, was dieser Mensch mir für Unannehmlichkeiten bereitet hat! Er kam am 15. gegen Abend, als die Deutschen schon einzogen. Ich hatte mein Hotel nicht geschlossen, ich war geblieben. Im Krieg, hat mein Vater gesagt, geht man nicht weg, sonst wird einem alles versaut und gestohlen. Was soll ich mich auch vor den Deutschen fürchten? Die sind mir lieber als die Roten. Die tippen mir nicht an mein Konto. Herr Weidel kommt also an und zittert. Ich finde es komisch, wenn einer vor seinen eigenen Landsleuten zittert. Ich war aber froh für einen Mieter. Ich war ja damals allein im ganzen Quartier. Doch wie ich ihm meinen Anmeldezettel bringe, da bat er mich, ihn nicht anzumelden. Herr Langeron, wie Sie ja wissen, der Herr Polizeipräsident besteht streng weiter auf Anmeldung aller Fremden; es muß ja auch Ordnung bleiben, nicht wahr?"
"Ich weiß nicht genau", erwiderte ich, "die Nazisoldaten sind ja auch alle Fremde, Unangemeldete." "Nun, dieser Herr Weidel jedenfalls machte Chichi mit seiner Anmeldung. Er habe sein Zimmer in Auteuil nicht aufgegeben, er sei ja auch dort noch angemeldet. Mir gefiel das gar nicht. Herr Weidel hat schon mal früher bei mir gewohnt mit seiner Frau. Eine schöne Frau, nur hat sie zu wenig auf sich gehalten und öfters geweint. Ich versichere Ihnen, der Mensch hat überall Unannehmlichkeiten gemacht. Ich ließ ihn also in Gottes Namen unangemeldet. Nur diese eine Nacht, sagte ich. Er zahlte im voraus. Am nächsten Morgen kommt mir der Mann nicht herunter. Ich will es kurz machen. Ich öffne mit meinem Nachschlüssel. Ich öffne auch den Riegel. Ich habe mir mal so ein Ding anfertigen lassen, womit man Riegel zurückschiebt." – Sie öffnete eine Schublade, zeigte mir das Ding, einen schlau ausgeknobelten Haken. – "Der Mensch liegt angekleidet auf seinem Bett, ein Glasröhrchen leer auf dem Nachttisch. Wenn das Röhrchen vorher voll war, dann hat er eine Portion im Bauch gehabt, mit der man alle Katzen unseres Quartiers hätte umbringen können.
Nun habe ich ja zum Glück einen guten Bekannten bei der Polizei, Saint Sulpice. Der hat mir die Sache ins Reine gebracht. Wir haben ihn vordatiert angemeldet, den Herrn WeideI. Dann haben wir ihn sterben lassen. Dann wurde er beerdigt. Dieser Mensch hat mir wirklich mehr Verdruß gemacht als der Einmarsch der Deutschen."
"Immerhin, er ist tot", sagte ich. Ich stand auf. Die Geschichte langweilte mich. Ich hatte zuviel vertrackte Sterbefälle mitangesehen. Da sagte die Frau: "Sie müssen nicht glauben, daß darum die Unannehmlichkeiten für mich zu
Ende sind. Dieser Mensch bringt es wirklich fertig, einem bis über das Grab hinaus Unannehmlichkeiten zu bereiten." Ich setzte mich noch einmal. "Er hat einen Handkoffer hinterlassen. Was soll ich nur mit dem Handkoffer tun? Er stand hier im Büro, als die Sache passierte. Ich vergaß ihn. Jetzt will ich doch nicht bei der Polizei noch einmal alles aufwärmen." "Na, schmeißen Sie ihn doch in die Seine", sagte ich, "oder verbrennen Sie ihn in Ihrer Zentralheizung." "Das ist unmöglich", sagte die Frau, "ich würde das nie riskieren."
"Na, hören Sie mal, Sie haben sich schließlich die Leiche vom Hals geschafft, da werden Sie doch mit dem Handkoffer fertig werden." "Das ist etwas ganz anderes. Der Mann ist jetzt tot. Das steht amtlich fest. Der Handkoffer aber, das weiß ich, ist ein juristischer Gegenstand, das ist ein Sachwert, das kann geerbt werden, es können Anwärter kommen."
Ich war der Sache schon überdrüssig, ich sagte: "Ich nehme das Ding gern an mich, das macht mir nichts aus. Ich kenne jemand, der mit dem Toten befreundet war, der kann den Handkoffer zu der Frau bringen." Die Wirtin war überaus erleichtert. Sie bat mich nur, ihr einem Empfangsschein auszustellen. Ich schrieb einen falschen Namen auf einen Zettel, den sie datierte und quittierte. Sie drückte mir herzlich die Hand, ich aber zog eilig mit dem Handkoffer ab. Denn mein Gefallen an dieser Patronin war ganz vergangen, so hübsch sie mir auch zuerst erschienen war. Ich sah auf einmal in ihrem schlauen langen Kopf nur den Schädel, auf den man schwarze Löckchen gesetzt hatte.

[...]


Wir betraten die Pizzaria. Ich setzte mich mit dem Gesicht zum offenen Feuer. Der Arzt ließ drei Gedecke bringen. Er sah auf die Uhr. Er bestellte eine Pizza für zwölf Francs. Man brachte den Rosé. Die ersten zwei Gläser Rosé trinken sich immer wie Wasser. Das offene Feuer da, sehen Sie, kann mir gefallen. Und wie der Mann auf den Teig schlägt mit lockerem Handgelenk. Ja, eigentlich gefällt mir auf Erden nur das: Ich meine, nur das gefällt mir, was immer vorhält. Denn immer hat hier ein offenes Feuer gebrannt, und seit Jahrhunderten hat man den Teig so geschlagen. Und wenn Sie mir vorwerfen, daß ich selbst immer wechsle, so antworte ich, das ist auch nur eine gründliche Suche nach dem, was für immer vorhält.
Der Arzt sagte: "Erzählen Sie mir doch bitte noch einmal alles, was Sie über die Fahrt nach Oran wissen!" Ich erzählte ihm also zum dritten Mal, wie ich den kleinen klägliche Mausemann bei dem Korsen entdeckt und ihm nachgegangen war, um etwas über eine Passage in Erfahrung zu bringen, so wie jetzt der Arzt mir nachging, um etwas über eine Passage in Erfahrung zu bringen. Nicht ich, der Arzt saß mit dem Gesicht zur Tür. Auf einmal veränderte sich sein Gesicht. Er sagte: "Erzählen Sie bitte Marie alles noch einmal. Ich drehte mich um. Da kam denn die Frau an den Tisch. Sie sah ausschließlich meinen Begleiter an. Sie sagte nichts. Sie nickte ihm nur leicht zu in altem geläufigem Einverständnis. Der Arzt sagte: "Der Herr hier hat die Freundlichkeit, uns einen guten Ratschlag zu geben." Sie sah mich kurz an. Zuweilen ist das Erkennen statt an die Nähe, an eine gewisse Strecke Entfernung gebunden. Ich machte keinerlei Anstrengung, mich ihr zu erkennen zu geben. Mir war eiskalt. Inzwischen wurde die Pizza gebracht, so groß wie ein kleines Wagenrad. Der Kellner schnitt für jeden von uns ein Dreieck heraus. Der Arzt sagte: "So iß doch etwas, Marie, du siehst müde aus." Sie erwiderte: "Es war wieder nichts." Er nahm ihre Hand. Ich spürte keine Eifersucht. Ich hatte nur das Gefühl, ich müßte rechtzeitig etwas wegnehmen, was ihm nicht zustand, womit er unmöglich umgehen konnte. Ich faßte ihn wirklich am Handgelenk. Ich drehte ein wenig seine Hand, so daß die Frau ihre Finger herauszog, ich aber das Zifferblatt seiner Armbanduhr zu sehen bekam. Ich hatte mich wieder in der Gewalt und teilte ihm mit, ich müßte gleich weggehen. Er sagte enttäuscht, er habe gehofft, mein Abend sei frei. Marie habe auch keinen Hunger, er könne unmöglich die Pizza allein essen, er würde sogar für mich Brotkarten auslegen. Vor allem müßte ich noch Marie die ganze Sache erzählen. Er schenkte mir Rosé ein; nachdem ich auch dieses Glas heruntergetrunken hatte, wurde mir klar, daß die Frau, wenn ich jetzt von hier wegging, mir keineswegs folgen, sondern bei dem Arzt sitzen bleiben würde. Ich trank also auch das Glas aus, goß es mir rasch wieder voll. Ich erzählte die ganze lange belanglose Sache zum vierten Mal. Die Frau hörte sich die Sache an, wie sie erzählt wurde, mit vollkommener Gleichgültigkeit. Der Arzt aber konnte sich an dem Unsinn nicht satt hören. Denn Unsinn, Unsinn, Unsinn war dieser Kraftaufwand, um eine brennende Stadt mit einer anderen brennenden zu vertauschen, das Umsteigen von einem Rettungsboot auf das andere, auf dem bodenlosen Meer.
Ich sagte: "Sie würden da aber allein fahren müssen. Für eine Frau ist diese Art Reise nichts, kommt gar nicht in Betracht." Darauf sagte sie rasch: "Für mich kommt alles in Betracht. Ich will nur von hier weg. Wie, das ist mir gleich. Ich fürchte mich vor nichts." "Das hat mit Furcht überhaupt nichts zu tun. Einen Mann kann man überall verstecken. Man kann ihn unterwegs absetzen. Die Leute würden das Risiko gar nicht erst übernehmen." Wir sahen uns zum erstenmal in die Augen. Ich glaube, daß sie mich jetzt auch zum erstenmal erkannte. Ich meine nicht wiedererkennen als einen, dem sie schon oft begegnet war, vielmehr als den Fremden, der ihren Weg unwiderruflich kreuzt, zum Guten oder zum Bösen.

Der Arzt ließ die Flasche Rosé, die ich fast allein geleert hatte, mit einer vollen vertauschen. Und während ich trank, erwog ich ihre Worte: ich will fort von hier, wie, ist mir gleich. Aus ihrem Mund erschien mir dieses Geständnis, ob wohl ich es hundertmal täglich hörte, frisch und neu... in seiner Torheit und Selbstverständlichkeit, als hätte sie mir angesichts dieses offenen Feuers, angesichts dieser angeschnittenen Pizza versichert, daß der Tod einmal auch ihre Züge zerstören würde. Ich dachte sogar einen Augenblick auch daran, an diese einfachste Art von Zerstörung, das unvermeidliche Ende alles Zerstörbaren. Ihr kleines bleiches Gesicht tauchte dicht vor mir auf, noch unversehrt, in einer roséfarbenen, roséglitzernden Welt. Der Arzt schnappte wieder nach ihrer Hand. Ich machte rechtzeitig mit meinen Ellenbogen eine Schranke, indem ich nach der Flasche griff. Worauf der Arzt sagte: "Du würdest ja sowieso zu diesem Termin noch nicht fahren können. Und wenn, dann kannst du ja ebenso gut über Spanien fahren."
Ich goß uns dreien ein. Und während ich selbst mein Glas austrank, wurde mir klar, daß ich den Mann von dem Tisch wegschieben mußte, aus der Pizzeria weg, aus der Stadt, über das Meer, möglichst rasch und weit.

[...]

Inzwischen näherte sich der Tag meiner endgültigen Vorladung auf das Konsulat der Vereinigten Staaten. Ich war fest entschlossen, mir das Transit zu sichern. Für mich war damals alles ein Spiel. Doch die Gesichter der Menschen, die in der Vorhalle warteten, um in die höhere Vorhalle heraufgelassen zu werden, waren bleich vor Furcht und vor Hoffnung. Ich wußte, die heute mit mir vorgelassenen Männer und Frauen hatten ihr bestes Zeug geschont und gebürstet, sie hatten auch ihre Kinder zu gutem Verhalten ermahnt, als ob sie zur ersten Kommunion sollten. Sie hatten alle möglichen Vorbereitungen getroffen an ihrem Äußeren, in ihrem Innern, um in dem richtigen Zustand vor dem unbeweglichen Gesicht des Konsuls der Vereinigten Staaten zu erscheinen, in dessen Land sie sich niederlassen, oder durch das sie wenigstens ziehen wollten, um in ein anderes Land zu gelangen, in dem sie sich vielleicht niederließen, falls sie es je erreichten. Und alle diese Männer und Frauen besprachen sich rasch und zum letztenmal, mit vor Aufregung rauhen Stimmen, ob es besser sei, eine Schwangerschaft zu verbergen vor dem Konsul der Vereinigten Staaten, oder sie ihm einzugestehen, da ja dieses Kind nach dem Willen des Konsuls, der das Transit bestimmte, auf dem Ozean geboren werden konnte, oder auf einer Insel des Ozeans oder schon in dem neuen Land –, wobei man auch in Erwägung zog, daß dieses ungeborene Kind, falls die vor dem Konsul angegebenen Termine für seine Geburt unmöglich waren, gar nicht das Licht der Welt zu erblicken brauchte, soweit da von Licht die Rede war – ob es besser sei, die Gefährlichkeit einer Krankheit zu verschweigen, oder sie eindringlich zu beschreiben, weil eine Krankheit, langwierig, wohl zu Lasten des amerikanischen Staates gebucht werden konnte, ein Mensch aber, der bestimmt rasch starb, nach ärztlichem Zeugnis niemand zur Last war, – ob man wirklich vollständig arm sein durfte, oder ob man auf irgendeine geheimnisvolle Geldquelle hindeuten sollte, obgleich man nur mit den Billets der Comités hier angekommen war, nachdem die Vaterstadt verbrannt war, – und in der Vaterstadt Hab und Gut und mancher Nachbar –, ob es richtig sei, einzugestehen, die deutsche Kommission könne mit Auslieferung drohen, falls sich das Transit verzögere, oder ob es doch besser sei, zu verschweigen, daß man ein solcher Mensch sei, den die Deutschen mit Auslieferung bedrohten.
Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkrieges zugrundegegangen waren, zu tausenden, zu hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisnahme der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?
Die Treppe herunter kamen mit vor Freude bleckenden Zähnen die drei Erstabgefertigten, ein kleiner dicker Mann mit zwei hohen, geputzten Frauen. Sie hatten alle drei ihr amerikanisches Visum in den Händen, von weitem erkennbar an den roten Bändchen, die durch das steife Papier gezogen waren, ich weiß nicht zu welchem Zweck. Die roten Bändchen, die an die Ehrenlegion erinnerten, und sie waren auch eine Art Ordensband, der Orden der Ehrenlegion der amerikanischen Transitäre. Kurz nach den Dreien erschien, bereits in den höheren Stockwerken abgefertigt, mein kahlköpfiger Mittransitär, den ich seit einigen Wochen zu treffen pflegte. Er stieg sehr ernst die Treppe herab und hatte leere Hände. Das wunderte mich; er war mir bei unserer flüchtigen Bekanntschaft als ein Mann erschienen, der in dieser nun einmal so beschaffenen Welt erreicht, was ihm nützt. Als er sich durch die Wartenden schob, erblickte er mich und lud mich ein in das Cafe St. Féréol. – Darauf erschien meine Zimmernachbarin auf der Treppe, mit fröhlicher Miene, die beiden Hunde zur Seite. Sie winkte mir zu und wickelte dann die Leinen der Hunde um ihre Handgelenke, damit wir ein paar Worte wechseln konnten. Sie hatte längst für mich aufgehört, ein häßliches, putziges Weib zu sein, mit frechem Gesicht und schiefen Schultern, mit zwei riesigen Kötern, sie war mir zugleich vertraut und entfremdet, eine sagenhafte Person, eine Art Diana der Konsulate. "Es hat sich herausgestellt", sagte sie, "daß diese zwei Tiere noch eine Bescheinigung brauchten, daß sie wirklich die Hunde von Bürgern der Vereinigten Staaten sind. Ich möchte die beiden am liebsten schlachten, weil sie daran schuld sind, daß ich immer noch nicht abfahren kann, doch weil mir ihre Besitzer kaum mein Leumundszeugnis bestätigen würden, falls ich die Tiere zu Gulasch zerhacke, muß ich sie pflegen und bürsten und baden, denn schließlich hätte ich ohne sie kein Visum." Mit diesen Worten, die für die Umstehenden unverständlich waren, lockerte sie ihre Leinen und zog hinaus auf den Platz Saint Féréol.
Inzwischen hatte mein Viertelstündchen geschlagen. Ich war auf den 8. Januar vor den Konsul bestellt auf zehn Uhr fünfzehn. Mir klopfte das Herz, vor dem Rennen, das ich alsbald gewinnen mußte. Doch war es diesmal kein holpriges, furchtsames Klopfen, sondern ein scharfes, gespanntes. Der Treppenhüter gab mir den Zugang frei, ich bezog den zweiten Vorraum. Er war voll, so daß ich noch Wartezeit hatte. Wie ich bald gewahr wurde, gehörten all diese wartenden Menschen, etliche Frauen, Männer, Kinder, von denen ich einige aus dem letzten Wartetag wiedererkannte, sowie auch das alte, in sich versunkene Weib der gleichen Familie an, die aber heute hier vollzählig antrat. Alle, sogar die kleinsten Kinder, befanden sich im Augenblick meines Eintritts in großer gemeinsamer Erregung, alle bebten vor Schreck und Empörung, alle, Alte und Junge, flüsterten durcheinander oder bemühten sich wenigstens, zu flüstern, denn es gab immer eins, das dazwischen aufschrie oder aufseufzte oder aufschluchzte. Nur die Alte, um die sich alle drängten, saß reglos, als sei sie mumifiziert, mit allen Zeichen ihres Zerfalls und nahen Endes.
An der Tür lehnte, von diesen Menschen abgesondert, ein junger Herr, der spielte mit seiner Baskenmütze und lächelte. Er verstand, worum es ging, und es machte ihm sichtlich Spaß, und es war ihm einerlei. Aus dem Zimmer des Konsuls flog mit leichten Füßen, wie der Engel vom Throne des Herrn, jenes junge Geschöpf mit kleinen Brüsten und hellen Locken, das den ganzen Krieg, von aller Unbill behütet, auf einer rosigen Wolke verbracht hatte. Es stellte sich vor die Tür des zweiten Vorraums und bedeutete der Familie in strengem und zugleich sanftem Ton, sich endlich zu entscheiden, im selben Ton, in dem auch ein Engel dieselben Seelen aufgefordert hätte, zu bereuen oder von dannen zu fahren. Darauf hoben alle ihre Hände, auch die kleinsten Kinder, seufzten und baten um einen Aufschub. Ich fragte den jungen Herrn mit der Baskenmütze, worum es hier ging. "Das sind lauter Kinder, Enkel, Urenkel und sonstige Anverwandte dieser uralten Frau, ihre Papiere sind vollständig in Ordnung. Der Konsul will sofort seine Unterschrift geben. Er will sie alle einwandern lassen, bis auf die Alte. Der Konsulatsarzt hat ihr nämlich bescheinigt, daß sie in höchstens zwei Monaten sterben wird. Und solche Leute lässt man auf kein amerikanisches Schiff, wozu denn auch? Die ganze Familie aber, wie diese Art Leute nun einmal verrannt sind, will entweder mit der Alten reisen, damit sie bei ihnen sterben kann, oder alle wollen bei ihr zurückbleiben, bis sie gestorben ist. Wenn sie nun alle hierbleiben, bedenken Sie doch, dann stirbt zwar die Alte sowieso, die Visen aber verfallen, die Transit verfallen, und wie Sie wissen, sperrt man in Frankreich die Leute gern ein, die alle Visen haben und alle Transits, aber doch nicht abhauen, und sie gehören ja auch dann eingesperrt, mindestens ins Irrenhaus."
Darauf erschien die Botin des Konsuls zum zweitenmal, ich bemerkte, wie zart ihre Haut war, doch ihre Stimme war streng. Aus der Familie erhob sich ein Männlein, in dem ich ihr Oberhaupt nie erkannt hätte, und verkündete ruhig die Entscheidung in einem Gemisch aus den Sprachen der Länder, die er mit den Seinen durchkreuzt hatte. Sie hatten sich entschlossen, solange die Alte lebte, bei ihr zu bleiben. Denn wenn er hier bei ihr bliebe als ihr ältester Sohn, seine Frau aber zöge weg, mit den Söhnen, was sei denn da den Seinen geholfen ohne ihn? Oder wenn die jüngste Schwester zurückbliebe, die sich eben erst verheiratet hatte, und ihr erstes Kind erwarte, wie könnte sie hier gebären ohne den Mann, der sein Schwager war? Und wenn dieser Schwager selbst bliebe, auf dessen Namen das Geschäft laute – –. Die Botin des Konsuls aber rief schon den nächsten Namen auf. Alle zogen ab, indem sie der Alten die Treppe herunter halfen, sich gegenseitig zur Vorsicht ermahnend, traurig verstört, doch ganz ohne Reue.

Chichi – (franz.) Umstände, Schwierigkeiten, Trara. >>zurück
[...]

offenen Feuer – In den deutschen Buchausgaben seit EA, vgl. GW, Bd. V, S. 126: offenen Fenster. E: open fire; Sp: el fuego; F: vers le feu flambant. >>zurück
[…]

Diana – Römische Göttin, Entsprechung der griechischen Artemis, jungfräuliche Göttin u. a. der Jagd, mit Jagdhunden als Begleitern. >>zurück

sogar – In TG: gar. Korrektur wie GW, Bd. V; S. 204. In einem Vorabdruck Auf dem amerikanischen Konsulat in Marseille (in: Demokratische Post [Mexiko], I, 24 v. 1. 8. 1944) steht ebenfalls "sogar"; auch weitere Abweichungen, die auf offensichtliche Druckfehler in der TG verweisen, sind darin nicht enthalten (s. Nachweis der Textkorrekturen zu den Seiten 201/202, S. 370). >>zurück

Der Konsulatsarzt ... bescheinigt – Zu den notwendigen Dokumenten zur Erlangung des Einwanderungsvisums in die USA gehörte ein medizinisches Gutachten durch einen vom Konsulat bestimmten Arzt über den Gesundheitszustand des Flüchtlings. >>zurück

Auszug aus dem Kommentar von Silvia Schlenstedt

Die Entstehungszeit von "Transit"

[...] "[E] s gibt zwei Dinge, die ich niemals vergessen werde, diese schrecklichen Stunden während der Evakuierung und diese Güte meiner Freunde nach meiner Rückkehr" – so schrieb Seghers Ende September, nachdem die Monate im besetzten Paris durchgestanden waren, die Zeit wechselnder Unterkünfte für die Mutter, während die Kinder jeweils bei Freunden ein Obdach erhielten (die eigene Wohnung wurde wohlweislich gemieden, die Gestapo war schon dort gewesen, eine nahe Freundin verhaftet), bis ihnen dann der zweite Fluchtversuch gelang, von der französischen Freundin Jeanne Stern über die Demarkationslinie in die unbesetzte Zone geschleust.7 Schon der erste Brief aus Pamiers, einer Kleinstadt in der Nähe von Le Vernet, offenbart ein Bündel gegensätzlicher Regungen – Erleichterung, Freude über die gelungene Flucht und "Angst vor dem Winter wegen unserer Männer", das Geständnis, daß sie das Erlebte der vergangenen Wochen "nicht zu beschreiben wage", und ein erlöstes Aufatmen: "Die Kameradschaft ist wunderbar, das Licht in der Nacht, ein Licht, viel stärker als das Schwarz der Nacht." Und zugleich begannen neue praktische Schwierigkeiten sich einzustellen – Anna Seghers erfuhr nun, daß mexikanische Visa gewährt würden, "aber nicht für Netty, nur für Anna", und besorgt bat sie die Freunde, die nötigen Schritte zu unternehmen, "um Netty zu identifizieren!" 8 Diese vertrackte Angelegenheit der amtlichen Klärung der Identität von Anna Seghers mit Netty Radvanyi war eine der zahlreichen Hürden, die in der Folgezeit zu bewältigen waren, schriftlich von Pamiers aus9 und bei mehreren Kurzreisen nach Marseille, zu Behördengängen (wozu jeweils die Bewilligung eines Sauf conduit die Voraussetzung war). Realerfahrung und poetische Erfindung – das Spiel um die Beglaubigung der Identität des Dichters Weidel mit dem Flüchtling, der sich den Namen Seidler zugelegt hat, wird zu einem Fabelkern, den die Erzählerin für "Transit" findet.
Während der Monate, in denen sich Anna Seghers in Pamiers aufhielt (von wo aus sie zusammen mit den Kindern Laszlo Radvanyi im Lager Le Vernet besuchte und Päckchen mit ersparten Lebensmitteln brachte), fuhr sie mehrere Male für einen Tag nach Marseille und wurde dort bei Konsulaten, Behörden, Komitees mit all dem bekannt, was das Leben der Transitäre in Trab hielt. Sie war auf der US-Botschaft und der mexikanischen Botschaft, später erkundete sie noch Überfahrtmöglichkeiten über Brasilien, sie hörte von direkten Schiffsverbindungen, die "aber nur Geisterschiffe [des bateaux phantomes] geblieben" sind, und sprach von der Hoffnung, "daß sie sich materialisieren"10. Sie sah sich konfrontiert mit der schier endlos verschlungenen Kette von geforderten Bestätigungen und Genehmigungen zum Erhalt von Visa, Transitvisa, Visa de Sortie, Tickets, Kautionen für die Passage und erläuterte den Freunden in den USA und Mexiko, die der Familie Radvanyi wie anderen Exilgefährten bei der Beschaffung der nötigen Papiere und Gelder behilflich waren, die labyrinthische Kette von Maßnahmen.

Probleme der Druckgeschichte

[...] Nach dem Erstdruck von "Transit" in der Übersetzung von Galston, die im Mai 1944 bei Little, Brown in Boston herauskam und 1945 vom Londoner Verlag Eyre and Spottiswoode mit dem Titel "Transit Visa" übernommen wurde, erschien der Roman 1944 bei Nuevo Mundo in Mexiko (der Verlag mußte im Mai 1946 aufgegeben werden, von "Visado de Transito" waren 1289 Exemplare verkauft worden).65 Für weitere Ausgaben wurden Verträge bzw. Vorverträge abgeschlossen: im April 1944 mit Messer Bonnier, Stockholm, im Mai 1946 mit Mondadori für Italien und mit Gyldendals Bokhandel, Kopenhagen.66 Besonderes Gewicht mußte einer Ausgabe in deutsch zukommen; mit Anna Seghers früherem Verleger F. H. Landshoff schloß ihr Agent Maxim Lieber am 23. Mai 1945 in New York über die Herausgabe von "Siebtem Kreuz" und "Transit" einen Vertrag; er übertrug Landshoff das ausschließliche Recht "für alle Auflagen in deutscher Sprache für die Dauer der gesetzlichen Schutzpflicht", seinerseits verpflichtete sich Landshoff, eins der Bücher 1945, das zweite 1946 erscheinen zu lassen.67 Zur Realisierung dieses Vertrags ist es nicht gekommen, nicht zuletzt weil der Querido-Verlag damals in Holland nicht wieder existierte. Anna Seghers war noch im mexikanischen Exil, als Curt Weller, den sie seit den dreißiger Jahren kannte,68 Kontakt zu ihr aufnahm; er bekundete sein Interesse am Verlegen ihrer Bücher und übermittelte bereits im Dezember 1946 ein erstes Vertragsangebot für "Transit".69 Vor der Rückkehr aus dem Exil legte sie sich jedoch nicht fest; sie war daran interessiert, daß ihre Bücher den Lesern in allen Zonen Nachkriegsdeutschlands zugänglich sein könnten.70 Dafür spricht auch ein Schreiben, das sie von ihrer Transitstation in Stockholm, während sie auf die nötigen Papiere zur Einreise wartete, im Februar 1947 an Johannes R. Becher richtete; es geht darin um die Veröffentlichung ihrer Bücher in Berlin, u. a. heißt es: "Ich habe Jeanne Stern gebeten, das deutsche Manuskript von dem Roman 'Transit', das sie Aragon übersetzt hat, an Euch zu schicken. Ich habe es auch bei mir."71 Jeanne Stern, Freundin von Anna Seghers, Gefährtin aus den schwierigen Zeiten in Frankreich, war im Juli 1946 aus Mexiko nach Paris zurückgekehrt, wo ihre "Transit"- Übersetzung im April 1947 in La Bibliothèque Francaise herauskam.
Apropos Manuskripte. Es ist verzwickt, den "Transit"-Skripten auf die Spur zu kommen. Aus einer Notiz im "Freien Deutschland" vom Juni 1944 ist zu erfahren, das Manuskript von "Transit" sei "in einer Veranstaltung der New Yorker 'Tribüne für freie deutsche Kultur' für 200 Dollar zugunsten des Amerikanischen Roten Kreuzes versteigert" worden.72 Diese Wohltätigkeiksveranstaltung, bei der Wieland Herzfelde, Berthold Viertel, F. C. Weiskopf und Carl Zuckmayer lasen, fand am 8. April 1944 statt 73 – etwa einen Monat vor Erscheinen der amerikanischen "Transit"- Übersetzung; vermutlich hatte Galston das deutsche Typoskript für diesen Zweck weggegeben. Wo es geblieben sein mag, ließ sich nicht ermitteln. Auch das Typoskript, mit dem Jeanne Stern gearbeitet hatte, ist unauffindbar – im Nachlaß von Johannes R. Becher und im Archiv des Aufbau-Verlages keine Spur. Für eine kritische Werkausgabe ein Nachteil, da sich auch kein weiteres Exemplar der Typoskripte erhalten hat (weder das, das Landshoff bei seiner Rückkehr nach Amsterdam bei sich hatte,74 noch das – offenbar von einer zweiten Abschrift stammende75 –, von dem Seghers im zitierten Brief spricht).

Bevor noch die deutsche Erstausgabe bei Weller erschien (in Konstanz, das in der französischen Zone lag), wurde Anna Seghers die Chance eröffnet, deutsche Leser mit "Transit" durch einen Fortsetzungsdruck bekannt zu machen. Die "Berliner Zeitung" (verantwortlicher Redakteur des Kulturteils: Paul Rilla) publizierte ihn vom 3. August bis 7. November 1947, schon versehen mit dem Copyright-Hinweis auf den Verlag Curt Weller, jedoch in einer von dessen Buchausgabe 1948 abweichenden Textfassung. Lückenhafte Überlieferung der Korrespondenz erschweren Aussagen darüber, wie der Ablauf genau war. Festzuhalten ist, daß es eine Vereinbarung zwischen "Berliner Zeitung" und Weller gegeben hat,76 daß aber das Typoskript danach im Konstanzer Verlag redigiert worden ist. Was den Verleger dazu bewogen hat, ist aus einem Seghers-Brief vom September 1947 zu schließen; nach einem Besuch bei Weller beschrieb sie seine Ansicht zur Arbeit am Text des nächsten Romans, "Die Toten bleiben jung": Er "fand aber, wie ich selbst, dass das Buch [... ] an vielen Stellen ein glatteres reineres Deutsch nötig hat, gerade jetzt, wo kein Mensch mehr normal schreibt."77 War sie also durchaus mit einer sorgfältigen Lektorierung einverstanden, so sah sie sich doch – als die "Transit"-Erstausgabe vorlag – veranlaßt zu freundschaftlichem "Geschimpfe": "Wenn Ihr sorgfältig verbessert habt, warum überseht Ihr dann z. B. [... ] ", heißt es am 7. Juli 1948, und: "Meines Erachtens habt Ihr manches in der Interpunktion verändert, was dadurch ganze Sätze verschob." Im Februar 1949 kam sie nochmals darauf zurück: "Übrigens enthält das Transit-Buch zahlreiche, auch mir unliebe verschlechternde Fehler. Ich war aber davon abgesehen, von ganzem Herzen froh und dankbar für das Buch, das ich wie Du sehr gern habe."78
In der Tat enthielt diese Buchausgabe (die allen folgenden in der Regel als Vorlage diente) zahlreiche "verschlechternde Fehler" und Eingriffe in die Textgestalt, die es fragwürdig erscheinen ließen, sie zur Grundlage für die kritische Edition zu machen. Dabei handelte es sich nicht allein um Abweichungen, die als Druckfehler in Kauf zu nehmen wären, z. B. wenn statt "in ungeschicktem Französisch" (85) "in ungeschminktem Französisch" steht, von größerem Gewicht ist es, wenn statt "von der ewig gegenwärtigen Fülle alles gelebten Lebens" (93) "... Fülle alles geliebten Lebens" im Druck erscheint, weil dadurch der Sinn des mitgeteilten Gedankens entstellt wird. Als Fehler waren solche Abweichungen auch zu verifizieren durch einen Vergleich mit den der Ausgabe von 1948 vorausgehenden Übersetzungen in englischer, spanischer und französischer Sprache: Wenn diese dem Fortsetzungsdruck entsprechende Wendungen aufwiesen, spricht das dafür, daß sie in der Textvorlage für die drei Übersetzer ebenso vorkamen. Gleiches gilt für einige in der Weller-Ausgabe gestrichene Sätze bzw. Satzteile, die im Fortsetzungsdruck enthalten sind wie auch in den genannten Übersetzungen. (Vgl. dazu die Anmerkungen, in denen solche SteIlen bzw. Fehler jeweils verzeichnet und gegebenenfalls die Versionen in den Übersetzungen mitgeteilt werden.) Bei der Lektorierung des Typoskripts kam es an vielen Stellen zu normierenden Eingriffen in den Wortbestand und die Interpunktion, regional gefärbte Sprachgebungen wurden getilgt (statt "trätschnaß" "patschnaß", statt "Hineinschliddern" "Hineinschlittern", statt "als wie" oder "wie" zumeist "als"), regelkonforme Konjunktivbildungen in den wiedergegebenen Gesprächen wurden eingeführt und sogar die Konstruktion der (von einer Erzähldiktion bestimmten) Sätze wurde verändert (statt "die neue Ordre, nur gültig in seinem Departement" 116, "durch die nur in seinem Departement gültige neue Order") u. a. m.
Was die Autorin über die "Verbesserung" grammatisch unkorrekter Stellen oder die Tilgung von Regionalismen dachte, ist von ihr später in Briefen an aufmerksame Leser problematisiert worden. "Es genügt nicht, selbst wenn das Wort falsch gewählt ist, an seiner Stelle den begrifflich und grammatisch richtigen Ausdruck zu setzen, der neue Ausdruck muß zugleich richtig sein und auch rhythmisch und klanglich denselben Zweck erfüllen", "durch andere Vokale oder durch mehr oder weniger Silben" könnte "das Gefühl zerstört" werden, "das der Satz bewirken soll", und damit die Wirkung beeinträchtigt.79 Und an anderer Stelle begründet sie, weshalb ihre "spezielle Heimatsprache" ihr wichtig sei: "Zum Beispiel bringe ich selbst aus meinem eigenen Dialekt (ich bin vom Rhein) rücksichtslos sogar Ausdrücke und Redewendungen, die der grammatischen Regel nicht entsprechen, weil ich sie schöner, deutlicher usw. finde, und das machen sehr viele Schriftsteller, wahrscheinlich alle".80 – Mit Blick auf die Eingriffe, die für die Buchausgabe 1948 vorgenommen wurden, durch die vielfach Eigenheiten in Rhythmus und Klang der Seghersschen Erzählsprache eingeebnet worden sind, wie auf die (auch in späteren Ausgaben zum großen Teil nicht korrigierten) Fehler wurde die Entscheidung getroffen, den Fortsetzungsdruck aus der "Berliner Zeitung" 1947 – so flüchtig er bisweilen gesetzt war und deshalb einer gründlichen Revision bedurfte – der kritischen Edition zugrunde zu legen.

Seitenzahlen in Klammern oder ohne weitere Quellenangabe beziehen sich auf die Seitenzahlen in der neuen Werkausgabe. Die bibliographischen Angaben wurden für diese Textauswahl ergänzt, wenn die Autoren bei Mehrfachnennung einer Quelle statt der vollständigen Angabe Kurzformen gewählt haben.


7 Vgl. dazu Jeanne Stern: Das Floß der Anna Seghers. In: Almanach [= Über Anna Seghers. Ein Almanach zum 75. Geburtstag. Hg. Kurt Batt. Berlin Weimar (Aufbau-Verlag) 1975, Anm. d. Red.] S.77-91. >>zurück

8 AS an Weiskopf, 30. 9. [1940], ndl [= Anna Seghers: Briefe an F.C. Weiskopf. In deutscher Übersetzung von Silvia Stock. In: Neue Deutsche Literatur. Berlin: 33. Jg./November 1985; Anm. d. Red,] S. 17/18. >>zurück

9 Hans-Albert Walter hat im Verlagsarchiv des Züricher Verlages Oprecht ein Schreiben von AS aus Pamiers an Emil Oprecht v. 20. 11. 1940 ermittelt, in dem sie bat, er möge an das mexikanische Generalkonsulat Marseille schreiben und bestätigen, er kenne sie persönlich als Verleger und Anna Seghers sei der Schriftstellername von Madame Radvanyi. Walter teilt auch mit, Oprecht habe sogleich seine Hilfe zugesagt – vgl. Hans Albert Walter: Anna Seghers' Metamorphosen. Transit – Erkundungsversuche in einem Labyrinth, Frankfurt Olten Wien, Büchergilde Gutenberg 1985, S. 32 und (Übers. des Briefs) S 148. Künftig zit.: Metamorphosen. >>zurück

10 AS an Weiskopf, 17.12. [1940], in: ndl, S.28. >>zurück

[...]

66 Kopien der Vereinbarungen ("Memorandum of Agreement") mit diesen Verlagen, wodurch ein Erscheinen de, Romans innerhalb 12 Monaten fixiert wurde, befinden sich in ASA [= Anna-Seghers-Archiv in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Anm. d. Red.] K 776. >>zurück

67 Der Vertrag befindet sich ebd. >>zurück

68 VgI. Sabine Röttig: "In Anbetracht des über eine Autoren-Verleger-Beziehung hinausgehenden Kontaktes" – Anna Seghers und der Curt Weller Verlag. In: Argonautenschiff 9 (2000), S. 249-259. >>zurück

69 Im ersten erhaltenen Schreiben des Briefwechsels mit Curt Weller v. 24. 2.1948 nimmt Weller auf den Vertragsentwurf Bezug, den er AS am 5. 12.1946 nach Mexiko geschickt habe. In: ASA 1680. >>zurück

70 Vgl. die Notierung Brechts über ein Gespräch mit AS in Paris, 4.11.1947 im "Arbeitsjournal" , wo es u. a. heißt: "Um ihren mexikanischen Paß zu behalten, wohnt sie nicht im russischen Sektor, hat so auch nicht die Vergünstigungen, ohne die Arbeit unmöglich ist. Sie möchte ihre Bücher auch in den nichtrussischen Zonen gelesen haben." In: Brecht: Werke, a. a. 0. [= Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Berlin Weimar (Aufbau-Verlag) und Frankfurt /M. (Suhrkamp Verlag), Anm. d. Red.]. Bd. 27,S.25. >>zurück

71 Anna Seghers: Hier im Volk der kalten Herzen. Briefwechsel 1947, Hg. Christel Berger, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2000, S. 13. >>zurück

72 FD [= Freies Deutschland, Mexiko], Jg.III, Nr.7 (Juni 1944),S.31. >>zurück

73 VgI. Herzfelde an Viertel, 12. 3. 1944 in: TRIBÜNE UND AURORA. Wieland Herzfelde und Berthold Viertel. Briefwechsel 1940-1949, Hg. Friedrich Pfäfflin, v. Hase & Koehler Verlag, Mainz 1990, S. 87. Dort Erwähnung des Abends für das Rote Kreuz; in der Anmerkung vom Hg., S. 225, wird das Datum mitgeteilt und Friedrich Georg Alexan, der eigentliche Organisator der" Tribüne", unter den Mitwirkenden genannt. >>zurück

74 In einem Brief von Landshoff an Maxim Lieber v. 24. 1. 1947 heißt es: "The manuscript TRANSIT is with me. It goes to the printer right away." (ASA K 776) >>zurück

75 Das ist zum einen zu errechnen aus der Zahl der Skripte, die für Übersetzungen u. a. gebraucht wurden, zum anderen aus Gruppen von Schreibfehlern zu entnehmen, die sich im Druck der "Berliner Zeitung" und bei Weller finden – z. B. Curs statt Gurs –, nicht aber bei den drei Übersetzungen. >>zurück

76 Dem Verleger Weller, der sich um eine vertragliche Vereinbarung über künftige Seghers-Buchausgaben bemühte, wird von AS am 7. 12. 1948 vorgeschlagen, den Weg der Fixierung in Form eines Briefes an sie zu wählen, damit "so eine Regelung zustande käme, wie damals in der Berliner Zeitung." (ASA 1680) >>zurück

77 AS an Erika Friedländer und Laszlo Radvanyi, 22. 9. 1947. In: Hier im Volk, a.a.0. S.135. >>zurück

78 AS an Curt Weller, 4. 2. 1949, ASA 1680. >>zurück

79 AS an Walter Boelicke, 11.9.1952, ASA 768. >>zurück

80 AS an Regine Petrenko, 31. 1. 1958, ASA 1371. – Vgl. auch die Antwort vom 10.6. 1959 an eine Leserin, die an AS' "Die Gefährten" Sprachkritik geübt hatte, in: Briefe an Leser, Aufbau-Verlag, Berlin Weimar 1970, S. 15 f. >>zurück

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