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Das siebte Kreuz

Das ist das Land, von dem es heisst, dass die Geschosse des letzten Krieges jeweils die Geschosse des vorletzten aus der Erde wühlen. Diese Hügel sind keine Gebirge. Jedes Kind kann Sonntags zu Kaffee und Streuselkuchen sein, Verwandten im jenseitigen Dorf besuchen und zum Abendläuten zurück sein. Doch diese Hügelkette war lange der Rand der Welt – jenseits begann die Wildnis, das unbekannte Land. Diese Hügel entlang zogen die Römer den Limes. So viele Geschlechter waren verblutet, seitdem sie die Sonnenaltäre der Kelten hier auf den Hügeln verbrannt hatten, so viele Kämpfe durchgekämpft, dass sie jetzt glauben konnten, die besitzbare Welt sei endgültig umzäunt und gerodet. Aber nicht den Adler und nicht das Kreuz hat die Stadt dort unten im Wappen behalten, sondern das keltische Sonnenrad, die Sonne, die Marnets Äpfel reift. Hier lagerten die Legionen und mit ihnen alle Götter der Welt, städtische und bäuerliche, Judengott und Christengott, Astarte und Isis, Mithras und Orpheus. Hier riss die Wildnis, da, wo jetzt Ernst aus Schmiedtheim bei den Schafen steht, ein Bein vorgestellt, einen Arm in der Hüfte, und ein Zipfelchen seines Schal steht stracks ab, als wehe beständig ein Wind. In dem Tal in seinem Rücken, in der weichen verdunsteten Sonne, sind die Völker gargekocht worden. Norden und Süden, Osten und Westen haben ineinandergebrodelt, aber das Land wurde nichts von alledem und behielt doch von allem etwas. Reiche wie farbige Blasen sind aus dem Land im Rücken des Schäfers Ernst herausgestiegen und fast sofort zerplatzt. Sie hinterliessen keinen Limes und keine Triumphbögen und keine Heerstrassen, nur ein paar zersprungene Goldbänder von den Fussknöcheln ihrer Frauen. Aber sie waren so zäh und unausrottbar wie Träume. Und so stolz steht der Schäfer da, so vollkommen gleichmütig, als wüsste er all das und stünde nur darum so da, und vielleicht, wenn er auch nichts davon weiss, steht er wirklich darum so da. Dort, wo die Chaussee in die Autobahn mündet, wurde das Frankenheer gesammelt, als man den Übergang über den Main suchte. Hier ritt der Mönch herauf zwischen Mangolds und Marnets Gehöft, hinein in vollkommene Wildnis, die von hier aus noch keiner betreten hatte, ein zarter Mann auf einem Eselchen, die Brust geschützt mit dem Panzer des Glaubens, gegürtet mit dem Schwert des Heils, und er brachte die Evangelien und die Kunst, Äpfel zu okulieren.
Ernst der Schäfer drehte sich nach dem Radfahrer um. Sein Halstuch wird ihm schon zu heiss, er reisst es ab und wirft es auf das Stoppelfeld wie ein Feldzeichen. Man könnte glauben, das sei eine Geste vor tausend Augenpaaren. Aber nur sein Hündchen Nelli sieht ihn an. Er nimmt seine unnachahmbar spöttisch-hochmütige Haltung wieder auf, aber jetzt mit dem Rücken zur Strasse, mit dem Gesicht zur Ebene, dahin, wo der Main in den Rhein fliesst. Bei der Mündung liegt Mainz. Das stellte dem Heiligen Römischen Reich die Erzkanzler. Und das flache Land zwischen Mainz und Worms, das ganze Ufer war bedeckt von den Zeltlagern der Kaiserwahlen. Jedes Jahr geschah etwas Neues in diesem Land und jedes Jahr dasselbe: dass die Äpfel reiften und der Wein bei einer sanften vernebelten Sonne und den Mühen und Sorgen der Menschen. Denn den Wein brauchten alle für alles, die Bischöfe und Grundbesitzer, um ihren Kaiser zu wählen, die Mönche und Ritter, um ihre Orden zu gründen, die Kreuzfahrer, um Juden zu verbrennen, vierhundert auf einmal auf dem Platz in Mainz, der noch heute der Brand heisst, die geistlichen und weltlichen Kurfürsten, als das Heilige Reich zerfallen war, aber die Feste der Grossen lustig wie nie wurden, die Jakobiner, um die Freiheitsbäume zu umtanzen.

Zwanzig Jahre später stand auf der Mainzer Schiffsbrücke ein alter Soldat Posten. Wie sie an ihm vorüberzogen, die letzten der Grossen Armee, zerlumpt und düster, da fiel ihm ein, wie er hier Posten gestanden hatte als sie eingezogen waren mit den Trikoloren und mit den Menschenrechten, und er weinte laut auf. Auch dieser Posten wurde zurückgezogen. Es wurde stiller, selbst hierzuland. Auch hierher kamen die Jahre 33 und 48, dünn und bitter, zwei Fädchen geronnenes Blut. Dann kam wieder ein Reich, das man heute das Zweite nennt. Bismarck liess seine inneren Grenzpfähle ziehen, nicht um das Land herum, sondern quer durch, dass die Preussen ein Stück ins Schlepptau bekamen. Denn die Bewohner waren zwar nicht gerade rebellisch, sie waren nur allzu gleichgültig wie Leute, die allerhand erlebt haben und noch erleben werden.
War es wirklich die Schlacht von Verdun, die die Schulbuben hörten, wenn sie sich hinter Zahlbach auf die Erde legten, oder nur das fortwährende Zittern der Erde unter den Eisenbahnzügen und Märschen der Armeen? Manche von diesen Buben standen später vor den Gerichten. Manche, weil sie sich mit den Soldaten der Okkupationsarmee verbrüdert, manche, weil sie ihnen unter die Schienen Lunten gelegt hatten. Auf dem Gerichtsgebäude wehten die Fahnen der Interalliierten Kommission.
Dass man die Fahnen eingeholt hat und gegen die schwarz-rot-goldene vertauscht, die das Reich damals noch hatte, da ist noch längst keine zehn Jahre her. Selbst die Kinder haben sich neulich daran erinnert, als das hundertvierundvierzigste Infanterieregiment zum ersten Mal wieder mit klingendem Spiel über die Brücke zog. War das abends ein Feuerwerk! Ernst konnte es hier oben sehen. Brennende, johlende Stadt hinter dem Fluss! Tausende Hakenkreuzelchen, die sich im Wasser kringelten! Wie die Flämmchen darüberhexten! Als der Strom morgens hinter der Eisenbahnbrücke die Stadt zurückliess, war sein stilles bläuliches Grau doch unvermischt. Wieviele Feldzeichen hat er schon durchgespült, wieviele Fahnen. Ernst pfeift seinem Hündchen, das ihm das Halstuch zwischen den Zähnen bringt.
Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.

[...]

"Fritz, jetzt kriegst du ja", sagte sie, "deine Jacke wieder." "Hoffentlich", sagte der Junge. "Wenn man sie nur nicht sehr zugerichtet hat", sagte das Mädchen. "Weisst du, der Alwig, der ihn zuletzt gepackt hat, das ist ein Roher."
Gestern abend hatte man in den Dörfern von nichts anderem gesprochen als von dem Flüchtling, den man in Alwigs Hof gestellt hatte ... Als man das Lager Westhofen vor mehr als drei Jahren eröffnete, als man Baracken und Mauern baute, Stacheldrähte zog und Posten aufstellte, als dann die erste Kolonne von Häftlingen unter Gelächter und Fusstritten durchgezogen kam, woran sich damals schon Alwigs beteiligten und Alwig ähnliche Burschen, als man nachts Schreie hörte und ein Gejohle und zwei-, dreimal Schüsse, da war es allen beklommen zu Mute. Man hatte sich bekreuzigt vor solcher Nachbarschaft. Mancher, den sein Arbeitsweg weit herumführte, hatte auch bald die Sträflinge unter Bewachung auf Aussenarbeit gesehen. Mancher hatte bei sich gedacht "Arme Teufel". Aber man hatte auch bald gedacht, was sie da eigentlich buddelten. Damals war es vorgekommen, dass auch in Liebau ein junger Schiffer offen auf das Lager fluchte. Den hatten sie dann gleich geholt. Er war auf einige Wochen eingesperrt worden, damit er sehen könnte, was drinnen los sei. Als er herauskam, hatte er sonderbar ausgesehen und auf keine Frage geantwortet. Er hatte Arbeit auf einem Schleppkahn gefunden und war später, wie seine Leute erzählten, ganz in Holland geblieben, eine Geschichte, über die das Dorf damals erstaunt war. Einmal waren zwei Dutzend Häftlinge durch Liebau gebracht worden, die waren schon vor der Einlieferung so zugerichtet, dass es den Menschen graute und eine Frau im Dorf offen weinte. Aber am Abend hatte der neue junge Bürgermeister des Dorfs die Frau, die seine Tante war, zu sich bestellt und ihr klargemacht, dass sie mit ihrer Flennerei nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Söhnen, die zugleich seine Vettern waren, und ein Vetter war zugleich auch sein Schwager, für ihr Leben lang Schaden zufügte. Überhaupt hatten die jüngeren Leute im Dorf, Burschen um Mädchen, ihren Eltern genau erklären können, warum das Lager da sei und für wen, junge Leute, die immer alles besser wissen wollen – nur dass die Jungen in früheren Zeiten das Gute besser wissen wollten, jetzt aber wussten sie das Böse besser. Da man dann doch nichts gegen das Lager tun konnte, waren allerlei Aufträge auf Gemüse und Gurken gekommen und allerlei nützlicher Verkehr, wie es die Ansammlung und Verpflegung vieler Menschen mit sich bringt.
Doch als gestern früh die Sirenen heulten, als die Posten an allen Strassen aus der Erde wuchsen, als das Gerücht von der Flucht sich verbreitete, als dann mittags im nächsten Dorf ein richtiger Flüchtling gefangen wurde, da war auf einmal das Lager, an das man sich längst gewöhnt hatte, gleichsam neu aufgebaut worden, warum grad hier bei uns? Neue Mauern waren errichtet worden, neue Stacheldrähte gezogen. Jener Trupp Häftlinge, der von der nächsten Bahnstation kürzlich durch die Dorfgasse getrieben wurde, – warum, warum, warum? Jene Frau, die ihr Neffe, der Bürgermeister, vor fast drei Jahren verwarnt hatte, weinte gestern abend offen zum zweiten Mal. War das auch nötig gewesen, dem Flüchtling, da man ihn ja schon hatte, mit dem Absatz auf die Finger zu treten, als er sich oben am Wagenrand festhielt? Alle Alwigs waren von jeher roh gewesen, nur waren sie jetzt die Tonangeber. Wie der Mensch bleich gewesen war zwischen den frischen, gesunden Bauernburschen ...
Das hatte alles der junge Helwig mitangehört. Seitdem er ein wenig nachdachte, war das Lager immer dagewesen und mit dem Lager auch alle Erklärungen, warum es da sein musste. Er kannte gar nichts anderes. Das Lager war ja aufgebaut worden, als er ein Knabe gewesen war. Nun wurde es gleichsam zum zweiten Mal aufgebaut, als er fast ein Jüngling war.
Lauter Lumpen und Narren waren da sicher nicht drin, sagten die Leute. Jener Schiffer, der damals drin war, der war ja auch kein Lump gewesen. Helwigs stille Mutter sagte: "Nein." Der junge Helwig sah sie an. Es war ihm ein wenig bang ums Herz. Warum war heut abend frei? Er hatte Lust auf gewohnte Gesellschaft, auf Lärm, Kampfspiele und Märsche. Er war herangewachsen in einem wilden Getöse aus Trompeten, Fanfaren, Heilrufen und Marschschritten. Plötzlich an diesem Abend war alles abgebrochen für zwei Minuten, Musik und Trommeln, dass man die feinen dünnen Töne hörte, die sonst unhörbar waren. Warum hatte der alte Gärtner ihn heut mittag so angesehen? Es gab auch manche, die ihn lobten. Durch seine gute, genaue Beschreibung, sagten sie, sei der Flüchtling gefunden worden.
Der kleine Helwig ging den Feldweg hinauf über eine Erdkrümmung. Er erblickte den älteren Alwig in den Rüben und rief ihn an. Alwig, schon rot und verschwitzt von der Arbeit, kam an den Weg. Was der heut schon hinter sich hat, dachte Helwig, als müsste er den Alwig verteidigen. Alwig beschrieb ihm alles, wie man eine Jagd beschreibt. Eben war er bloss ein Bauer gewesen, der früher als andere in seinen Acker geht Jetzt im Beschreiben war er der Sturmführer Alwig, ein Mann, der ein Zillich werden konnte, wenn man ihm dazu Gelegenheit gab. War doch auch Zillich mal bloss ein Alwig gewesen, ein Bauer droben bei Werthein am Main. Auch er war früh aufgestanden, auch er hatte Blut geschwitzt, wenn auch umsonst, weil sein winziger Hof damals versteigert wurde. Helwig kannte sogar den Zillich, denn er kam manchmal aus Westhofen, wenn er Urlaub hatte, setzte sich in die Wirtschaft und sprach über Dorfsachen – bei der Beschreibung der Jagd senkte Helwig die Augen. "Deine Jacke", sagte Alwig zum Schluss, "was weiss ich? Nein, das muss ein andrer Flüchtling gewesen sein, den musst du dir selber fangen, Fritz. Mein Kerl jedenfalls hat keine angehabt." Helwig zuckte die Achseln; eher erleichtert als enttäuscht, stampfte er gegen die Schule los, deren Fassade, ockerfarbig gestrichen, über die Felder weg leuchtete.

[...]

Georg auf der Plattform der Drei dachte: Wäre es nicht besser gewesen zuFuss? Um den äusseren Stadtrand herum? War er nicht mehr aufgefallen so – Du sollst nicht grübeln um das, was Du nicht getan hast, riet ihm Wallau – unnützer Kraftverbrauch. Du sollst nicht plötzlich abspringen, bald dies, bald das versuchen. Stell Dich ruhig und sicher.
Was nützen denn Ratschläge, die Dir ja selbst nichts genützt haben? Er hatte Wallaus Stimme verloren. Jede Minute hatte er sich ihren Klang zurückrufen können, plötzlich war er fort. Und der Lärm einer ganzen Stadt konnte nicht das übertönen, was verstummt war. Die Elektrische war jetzt in einer Schleife stadtauswärts gefahren. Plötzlich erschien es ihm unglaubwürdig, dass er hier durchfuhr und lebendig am hellen Tag. Es war gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen alle Berechnung. Entweder war er gar nicht er selbst oder – Er spürte auf den Schläfen die Zugluft eisig und schneidend, als sei die Drei in eine andere Zone eingefahren. Er war sicher längst beobachtet. Warum sollte gerade er, gerade Füllgrabe treffen? Wahrscheinlich hatten sie Füllgrabe schon an der Leine geführt. Füllgrabes Blick, seine Bewegungen, sein angebliches Vorhaben – so beträgt sich nur ein Verrückter oder ein Mann, der an der Leine geführt wird. Warum hat man mich da nicht gleich gepackt? Sehr einfach – weil man warten will, wohin ich gehe. Man will sehen, wer mich aufnimmt.
Da fing er auch schon an zu suchen, wer der Verfolger sein müsste. Der Mann mit Bärtchen und Brille, der wie ein Lehrer aussah? – Der Bursche im blauen Monteurkittel? – Der Alte, der ein ganzes Bäumchen, sorgfältig verpackt, vielleicht in sein Gärtchen hinausfuhr?
In den letzten Sekunden hatte sich aus dem Lärm der Stadt eine Marschmusik abgesondert. – Sie kam rasch näher und wurde stärker, wobei sie allen Geräuschen und allen Bewegungen ihren scharfen Takt aufzwang. Die Fenster öffneten sich, aus den Toren liefen Kinder, auf einmal war die Strasse von Menschen gesäumt – der Fahrer bremste.
Das Pflaster zitterte schon. Man hörte schon jubeln vom Ende der Strasse her. Seit ein paar Wochen war das 66er Infanterieregiment in den neuen Kasernen stationiert. Wenn es durch ein Stück Stadt marschierte, dann war das immer ein frischer Empfang. Da kommen sie endlich: Trompeter und Trommler, der Tambour wirft seinen Stab, das Pferdchen tänzelt. Da sind sie! Endlich – die Menschen reissen die Arme hoch. Der Alte schwingt seinen Arm und stützt mit dem Knie sein Bäumchen. Seine Brauen zucken im Takt des Marsches. Seine Augen glänzen. Hat er seinen Sohn dazwischen? Das ist der Marsch, der die Menschen aufwühlt, dass es ihnen den Rücken herunter läuft, dass ihre Augen leuchten. Was für ein Zauber ist das, zu gleichen Teilen gemischt aus uralter Erinnerung und vollkommenem Vergessen? Man könnte glauben, der letzte Krieg, in den dieses Volk geführt wurde, sei das glücklichste Unternehmen gewesen und hätte nur Freude gebracht und Wohlstand. Frauen und Mädchen lächeln, als hätten sie unverwundbare Söhne und Liebste.
Wie die Jungen den Schritt schon gelernt haben in den paar Wochen – Mütter, die ängstlich und mit Recht bei jedem Pfennig, wofür? fragen, werden, solange man diesen Marsch aufspielt, die Söhne hergeben und Stücke ihrer Söhne. Wofür? Wofür? Das werden sie sachte fragen, wenn die Musik verhallt ist. Dann wird der Fahrer wieder ankurbeln, der Alte wird merken, dass an seinem Baum ein Zweiglein geknickt ist, er wird knurren. Der Spitzel, wenn wirklich einer dabei war, wird zusammenfahren.
Denn Georg ist von der Plattform herunter. Er ist nach Bockenheim zu Fuss hinein. Paul wohnte Brunnengasse zwölf. Das hatten weder Schläge noch Tritte aus seinem Kopf geschüttelt – nicht 'mal den Namen seiner Frau: LieseI, geborene Enders.
In den letzten Minuten war er sehr schnell und sicher, ohne sich umzusehen, losgegangen. Er blieb in einer Gasse stehen, die auf die Brunnenstrasse mündete, vor einem Schaufenster, um sich auszuschnaufen. Wie er sich da im Spiegel erblickte hinter der Auslage, musste er sich an der Querstange festhalten. – Wie er weiss im Gesicht war, der Mann, der mit einer Hand nach der Querstange griff – dieser gelbliche fremde Mantel, der ihn schleppte – ihn und seinen Kopf mit dem steifen Hut!
Darf ich denn zu Röders hinaufgehen? – fragte er sich. Was berechtigt mich denn zu glauben, dass ich den Schatten los bin, falls ich beschattet war. Und der Paul Röder – warum soll denn gerade er, alles gerade für mich riskieren? Wieso war ich denn vorhin auf der Bank?

[...]

Wenn ich Bellonis Mantel nicht hätte! dachte Georg, der mit gesenktem Kopf den Schienen nachging. Sein Gesicht strich ein harter Regen. Endlich traten die Häuser zurück. Der Regen hing in Strängen vor der Stadt auf dem anderen Ufer. Sie schien bar aller Wirklichkeit vor dem unermesslichen trüben Himmel. Eine von jenen Städten, die man im Schlaf erfindet, für die Dauer eines Traumes, und selbst solange wird sie nicht halten. Aber sie hatte schon zweitausend Jahre ausgehalten.
Georg kam auf den Kasteller Brückenkopf. Der Posten rief ihn an. Georg zeigte seinen Pass. Als er schon auf der Brücke war, wurde ihm klar, dass sein Herz nicht schneller geklopft hatte. Er hätte noch zehn Brückenköpfe ruhig passieren können. Man kann sich also auch daran gewöhnen. Er fühlte sein Herz jetzt gefeit gegen Furcht und Gefahren, aber vielleicht auch gegen das Glück. Er ging etwas langsamer, um keine Minute zu früh anzukommen. Wie er auf's Wasser herunter sah, erblickte er den Schleppkahn, die Wilhelmine, mit ihrem grünen Ladestreifen, der sich im Wasser spiegelte, ganz nahe beim Brückenkopf, aber leider nicht gleich am Ufer, sondern neben einem anderen Kahn. Georg sorgte sich weniger um den Posten am Mainzer Brückenkopf als darum, wie man über das fremde Schiff weggelangen sollte. Er sorgte sich umsonst. Er war noch nicht zwanzig Schritte entfernt von der Anlegestelle, da tauchte am Bord der Wilhelmine der Kugelkopf eines kleinen, fast halslosen Mannes auf, ein rundes Gesicht, das ihn offensichtlich erwartete, ein etwas fettes Gesicht mit runden Nasenlöchern, mit vergrabenen Äuglein, ein Gesicht, hinter dem man garnichts Gutes vermutete, eben darum für diese Zeit das rechte Gesicht für einen aufrechten Mann, der allerlei riskierte.

Montag abend sind dann die sieben Bäume in Westhofen abgeschlagen worden. Dort war alles sehr schnell gegangen. Der neue Kommandant war im Amt, ehe man den Wechsel erfahren hatte. Er war wohl der richtige Mann, um ein Lager in Ordnung zu bringen, in dem sich solche Sachen ereignet hatten. Er brüllte nicht, sondern sprach mit gewöhnlicher Stimme. Aber er liess uns nicht im Zweifel, dass man uns alle bei dem geringsten Zwischenfall zusammenknallen würde. Die Kreuze hat er gleich abschlagen lassen, denn sie waren sein Stil nicht. Fahrenberg soll schon am Montag nach Mainz gefahren sein. Er soll sich im Fürstenberger Hof einquartiert haben. Er soll sich dann eine Kugel in den Kopf geschossen haben. Das ist nur ein Gerücht. Es passt auch nicht recht zu Fahrenberg. Vielleicht hat sich in jener Nacht im Fürstenberger Hof ein anderer eine Kugel in den Kopf geschossen, wegen Schulden oder wegen Liebeskummer. Vielleicht ist Fahrenberg die Treppe heraufgefallen und hat noch mehr Macht bekommen.
Das alles wussten wir damals noch nicht. Später waren so viele Dinge passiert, dass man nichts mehr genau erfahren konnte. Wir hatten zwar geglaubt, mehr könnte man nicht erleben, als wir erlebt hatten. Draussen stellte es sich heraus, wie viel es noch zu erleben gab.
Doch an dem Abend, als man zum ersten Mal die Häftlingsbaracke einheizte und das Kleinholz verbrannt war, das wie wir glaubten, von den sieben Bäumen kam, fühlten wir uns dem Leben näher als jemals später und auch viel näher als alle anderen, die sich lebendig vorkommen.
Der SA-Posten hatte schon aufgehört, sich über den Regen zu wundern. Er drehte sich plötzlich um, um uns bei etwas Verbotenem zu überraschen. Er brüllte los und verteilte gleich ein paar Strafen. Wir lagen zehn Minuten später auf unseren Pritschen. Das letzte Fünkchen im Ofen verglühte Wir ahnten, was für Nächte uns jetzt bevorstanden. Die nasse Herbstkälte drang durch die Decken, durch unsere Hemden, durch die Haut. Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äusseren Mächte in den Menschen hineingreifen können bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, das es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.

Auszug aus den Erläuterungen zum Text

zogen die Römer den Limes – In der Zeit vom 1. bis 3. Jahrhundert n. d. Z. errichtete das römische Reich eine befestigte Nordgrenze. Der hier angesprochene Abschnitt des Limes erstreckt sich vom Rhein nördlich von Koblenz über die Taunushöhen zur Wetterau. >>zurück

Sonnenaltäre der Kelten – Die Besiedlung Rheinhessens durch die Kelten ist ab dem 4. Jahrhundert v. d. Z. nachweisbar; sie dauert an bis zur Eroberung des Rheinlands durch Caesar. Dem religiösen Kult der Kelten liegt die Überzeugung von der göttlichen Beseelung der ganzen Natur zugrunde. Deshalb waren ihm Tempel, welche die Gottheit an einem bestimmten Ort lokalisieren, fremd; erst unter römischem Einfluß kam es zu Tempelbauten. Die kultischen Handlungen fanden teils im Freien, teils in bis zu 35 m tiefen Opferschächten statt. Diese und die auffällige Nähe der Kultplätze zu Quellen sprechen für die Verehrung von Erd- und Quellgottheiten. Von Sonnenaltären im Wortsinn ist nichts bekannt; die Bezeichnung könnte als Metapher für die Naturverbundenheit der keltischen Religion gelten. >>zurück

nicht den Adler und nicht das Kreuz – Der Adler war das Feldzeichen des alten römischen Reiches, das Kreuz ein Feldzeichen des christlichen römischen Reiches. Die Legende besagt, daß 312 n. d. Z. vor der entscheidenden Schlacht um Rom dem Feldherrn und späteren Kaiser Konstantin ein Kreuz am Himmel erschien mit den Worten: "In hoc signo vinces" ("In diesem Zeichen wirst du siegen"). Konstantin eroberte Rom, bekehrte sich zum Christentum und erließ 313 das Edikt von Mailand, das den Christen im römischen Reich Religionsfreiheit gewährte. >>zurück

das keltische Sonnenrad – Die Stadt Mainz war seit der Zeit des Kaisers Augustus bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts bedeutende römische Garnisonsstadt und Hauptstadt der römischen Provinz Germania prima. Ihr lateinischer Name Moguntiacum verweist auf eine Kultstätte des keltischen Gottes Mogon oder Mogontius. Im Stadtwappen führt sie das keltische Sonnenrad. >>zurück

Astarte – Fruchtbarkeits- und Kriegsgöttin aus dem Raum Syrien-Palästina. >>zurück

lsis – Ägyptische Muttergöttin, Schwester und Gattin von Osiris, bildet mit diesem zusammen das Zentrum des ägyptischen Götterhimmels. Sie wird verehrt als Quelle der Liebe und der Fruchtbarkeit, Göttin der Unterwelt und des Wassers, Erfinderin der Heilkunst, Gründerin des Staates und der Religion. >>zurück

Mithras – Von allen indo-iranischen Stämmen seit Urzeiten verehrte Göttin. Der Mithras-Kult war auch in Mitteleuropa verbreitet; auch im Rhein-Main-Gebiet finden sich archäologische Zeugnisse dafür. >>zurück

Orpheus – Gestalt aus der griechischen Mythologie, Sohn der Muse Kalliope und begnadeter Sänger. Hier ist Orpheus nicht als Symbolfigur für die Macht der Kunst angeführt, sondern als Schutzheiliger der orphischen Mysterien und Geheimlehren. >>zurück

Frankenheer – Der Frankenkönig Chlodwig eroberte am Ende des 5. Jahrhunderts n. d. Z. von Norden und Westen her das Gebiet der Alemannen zwischen Main und Bodensee, vertrieb die Alemannen und vergab das Land an seine Krieger. Die Entscheidungsschlacht fand im Jahr 496 statt. Das geschlossene Übersetzen des Frankenheeres über den Main, von dem der Roman spricht, ist historisch nicht verbürgt, sondern die literarisch-fiktive Konzentration der gesamten Bewegung auf einen Ort, der die entscheidende Grenzüberschreitung symbolisiert. >>zurück

der Mönch – Bonifatius, der als Mönch eigentlich Winfried hieß, verließ 718 England, um sich der Bekehrung der Germanen zu widmen. Seit 722 im Bischofsrang, 745 Bischof von Mainz, 754 bei seinem dritten Versuch, die Friesen zum Christentum zu bekehren, erschlagen. Der Roman stellt die historische Gestalt zwiespältig dar, einerseits als militanten Missionar, andererseits als Verbreiter einer menschenfreundlichen Kultur. >>zurück

Kaiserwahlen – Um dem römischen Papst den entscheidenden Einfluß auf dynastische Fragen streitig zu machen, kamen zur Mitte des .13. Jahrhunderts die mächtigsten Fürsten überein, den deutschen König durch ihren Mehrheitsbeschluß zu bestimmen. Der daraus folgende Kampf der Fürsten um das Recht, an dieser Wahl mitzuwirken, führte zur Herausbildung eines Kurfürstenstandes, dem vier weltliche und drei geistliche Fürsten angehörten, darunter der Mainzer Bischof. In der Goldenen Bulle (1356) einigten die Kurfürsten und die Kurie sich darauf, daß der gewählte König zugleich der römische Kaiser sei. In der Zeit des Wahlkaisertums fanden in Mainz mehrere Kaiserwahlen statt; der Mainzer Kurfürst trat an die Spitze des Kurfürstenkollegs. >>zurück

die Mönche und Ritter, um ihre Orden zu gründen – Eine Gründung von Mönchs- oder Ritterorden in Mainz oder Umgebung ist nicht belegt. >>zurück

um Juden zu verbrennen – Unter dem Schutz der geistlichen Fürsten entwickelten sich insbesondere in den Städten Speyer, Worms und Mainz blühende jüdische Gemeinden. Sie wurden zum Opfer des ersten Judenpogroms in Deutschland, das 1096 im Vorfeld des ersten Kreuzzuges an Rhein und Mosel stattfand. Nach dem Aufruf des Papstes Urban II. zum Kreuzzug gegen die Ungläubigen fiel eine fanatisierte Menge in die Rheinlande ein und ermordete alle Mitglieder der jüdischen Gemeinden, die sich der Taufe widersetzten. Die jüdische Gemeinde in Mainz, bis dahin das geistige Zentrum der Juden in Deutschland und Frankreich, traf es am schlimmsten. Unter der Führung des Grafen Emicho von Leinigen drangen am 27. Mai nach zweitägiger Belagerung etwa 12000 Kreuzfahrer in die Stadt ein. Um nicht in die Hände der Christen zu fallen, beging die gesamte jüdische Gemeinde, die in den Hof des Bischofs geflüchtet war, kollektiven Selbstmord. Die Leichen wurden auf dem Platz, den der Roman nennt, verbrannt. >>zurück

Jakobiner – Im April 1792 erklärte das revolutionäre Frankreich Österreich den Krieg und besetzte die linksrheinischen Gebiete. Zugleich gründeten Anhänger der Revolution – Bürger, Beamte, Schriftsteller, darunter Georg Forster – in Mainz die "Gesellschaft der Freunde von Freiheit und Gleichheit". Sie traten in der Stadt und auf dem umliegenden Land bis Koblenz und Landau für die bürgerliche Revolution ein. Aus dieser Bewegung entwickelte sich der "Rheinisch-deutsche Nationalkonvent", der am 17. März 1793 die erste Republik auf deutschem Boden ausrief. Unter dem Druck der deutschen Fürsten löste sich der Nationalkonvent schon am 31. März wieder auf. Truppen der antifranzösischen Koalition eroberten Mainz und begannen eine grausame Verfolgung der Republikaner. >>zurück

die letzten der Grossen Armee – Von den etwa 600000 französischen Soldaten, mit denen Napoleon 1812/13 den Rußlandfeldzug unternahm, sollen nur etwa 1000 zurückgekehrt sein. Der Roman verlegt ihren Rückzug über den Rhein in die Mainzer Gegend. >>zurück

die Jahre 33 und 48 – Gemeint sind die Jahre 1833 und 1848. In der Zeit zwischen 1830 und 1848 war Mainz, das zu Hessen-Darmstadt gehörte, eine Bastion des Deutschen Bundes, des antiösterreichischen Bündnisses deutscher Staaten unter preußischer Führung. Oppositionelle demokratische Bestrebungen – Mainz hatte mit 146 Mitgliedern die fünftgrößte Filiale des Preß- und Vaterlandsvereins – unterlagen einer von Preußen ausgehenden Repression, wurden aber auch von Metternichs Spitzeln nahezu vollständig überwacht; Metternich unterhielt ganz offiziell ein "Mainzer Informationsbüro", um nicht nur die in Mainz und Frankfurt ansässigen Demokraten, sondern auch die vielen durchreisenden Gesinnungsgenossen auszuspähen. Dennoch kam es zu Zusammenschlüssen und öffentlichen Manifestationen wie dem Hambacher Fest (1832), an dem eine große Zahl von Mainzer Radikalen teilnahm (die Angaben schwanken zwischen 180 und 400). Aus dem Jahr 1833 sind aus Mainz keine Unruhen bekannt; es gibt nur Spitzelberichte über eine Verschwörung von Radikalen zur Eroberung von Mainz, ohne daß es zu einer Tat gekommen wäre. Jedoch unternahmen im benachbarten Frankfurt oppositionelle Studenten den Sturm auf die Hauptwache. Er wurde niedergeschlagen, die allgemeine Repression wurde verstärkt. – Nach der Februarrevolution in Frankreich kam es im Frühjahr 1848 in Mainz zu revolutionären Unruhen, die in einem blutigen Straßenkampf zwischen preußischen Truppen und Mainzer Bürgerwehr am 21. Mai 1848 kulminierten. In der Nacht zum 22. Mai wurde der Belagerungszustand verhängt und die Bürgerwehr gewaltsam entwaffnet. Damit war der Aufstand gebrochen. Am 31. Mai bedankte sich der Stadtvorstand unter dem Bürgermeister Nack bei der Bevölkerung und den Militärbehörden für die besonnene Haltung aller, die während der Unruhen größere Opfer an Gut und Leben verhinderten. >>zurück

ein Reich, das man heute das Zweite nennt – Gemeint ist das Deutsche Reich, das 1871 nach dem Sieg über Frankreich in VersailIes ausgerufen wurde und nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die mit dem Vertrag von Versailles 1919 besiegelt wurde, zerfiel. Wenn im Roman das Wilhelminische Deutsche Reich das Zweite genannt wurde, wird es als Vorläufer von Hitlers Drittem Reich betrachtet. >>zurück

Bismarck – Otto von Bismarck (1815-1898); seit 1862 preußischer Ministerpräsident. Betrieb die deutsche Einigung als Unterordnung der übrigen Staaten unter Preußen "mit Blut und Eisen". Nach dem Sieg gegen den mächtigsten Konkurrenten Österreich im Krieg von 1866 annektierte Preußen alle gegnerischen Staaten nördlich der Mainlinie außer Sachsen und Hessen- Darmstadt. Auf diese Unterordnungs- und Annexionspolitik spielt das Bild von den "inneren Grenzpfähle[n]" an. >>zurück

Schlacht von Verdun – Eine der Entscheidungsschlachten des Ersten Weltkriegs, die Februar bis Dezember 1916 mit einem bis dahin unerhörten Aufwand an Kriegstechnik und Menschenopfern geführt wurde. >>zurück

die Fahnen der Interalliierten Kommission – Im Versailler Vertrag von 1919 wurde festgelegt, daß Elsaß und Lothringen, die im Jahr 1871 von Deutschland annektiert worden waren, wieder an Frankreich zurückfielen. Die übrigen links rheinischen Gebiete Deutschlands wurden in drei Besatzungszonen aufgeteilt, die nach 5, 10 und 15 Jahren geräumt werden sollten. Mainz war bis 1930 französisch besetzt und Sitz der Interalliierten Kommission für die links rheinischen Besatzungsgebiete. >>zurück

gegen die schwarz-rot-goldene vertauscht – Schwarz-rot-gold waren die Nationalfarben der Weimarer Republik, die damit auf Symbole der demokratischen Bewegung im 19. Jahrhundert zurückgriff. Hitler ersetzte diese Flagge durch die rote Hakenkreuzflagge. >>zurück

Auszug aus dem Kommentar von Bernhard Spies

Das Potential des Widerstehens:
Gemeinschaft, Geschichte, Landschaft

"Das siebte Kreuz" thematisiert den Gegensatz zwischen dem Regime und seinem Volk, indem es zeigt, wie erfolgreich die Nazis ihren totalitären Verfügungsanspruch durchsetzen. Dieser Einschätzung der Wirklichkeit im Deutschland von 1937 entspricht die Weise, in welcher der Roman vom Widerstand erzählt. Im Vergleich zu den Widerstandsromanen aus den ersten Exiljahren definiert "Das siebte Kreuz" neu, was nach fünf Jahren Nazi-Herrschaft unter Widerstand zu verstehen sei. Eine der explizitesten Formulierungen findet sich im Kommentar der KZ-Häftlinge, dessen chorische Rede in der ersten Person Plural die Handlung begleitet: "Vielen von uns war der Feind allmächtig vorgekommen. [...] Wenn ein noch so winziger Streich gelang gegen die Allmacht des Feindes, dann war schon alles gelungen."40 Nur durch die Hyperbel, die Übermacht der Herrschenden zur Allmacht zu überhöhen, erhält "ein noch so winziger Streich" die Qualität ihrer Entmachtung. Alle Taten, die zur erfolgreichen Flucht des einen Häftlings beitragen, sind, an der deutschen Realität gemessen, ein "winziger Streich". Entscheidender, die Macht der Nazis bedrohender Widerstand wird daraus, indem "Das siebte Kreuz" die Fluchthelfer in Zusammenhänge einbettet, die tiefer liegen und weiter reichen als die nationalsozialistische Macht. Sie sollen verbürgen, daß es in Deutschland ein den Nazis überlegenes Widerstandspotential gibt.
Dieses Widerstandspotential entdeckt das "Siebte Kreuz" in jedem Menschen, und zwar als "eisernen Bestand" des moralischen Individuums, auf den es unter Bedrohung zurückgreifen kann, so daß es nicht mehr vollständig unterliegen kann. Diese Metapher wird in der Szene, als Mettenheimer zum ersten Mal von der Gestapo vernommen wird, eingeführt 41 und an der Figur des Georg Heisler, der im KZ einem weitaus peinlicheren Verhör unterzogen wird, weiter expliziert.42 Die Individuen, die über einen solchen Bestand autonomer Moralität verfügen, erkennen sich gegenseitig und schließen sich zu lebendigen Gemeinschaften zusammen. Das zeigt die konspirative Gemeinschaft der Fluchthelfer, dafür stehen aber auch die fünf Paare, die sich am Ende von Heislers Flucht gefunden oder wieder zusammengefunden haben. Die menschlichen Gemeinschaften repräsentieren das Motiv von der "Kraft der Schwachen",43 das sich durch Anna Seghers' gesamtes Werk hindurchzieht. Äußerem Druck unterliegend, entdecken die Mittellosen ihre eigene moralische Substanz, und diese begründet eine jedem äußeren Druck gewachsene Zusammengehörigkeit.
Diese moralische Definition des gegen die Nazis möglichen Widerstands wird auch durch die 1945/46 entstandene Erzählung "Die Saboteure", in der etliche der Fluchthelfer Heislers wieder auftreten, nicht grundsätzlich revidiert: Hermann Schulz, Franz Marnet, Paul Bohland und einige andere führen am Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion einen spontanen Sabotageakt durch, den Dr. Kress vergeblich deckt. In der Rückschau, in der die Geschichte verfaßt ist, wird deutlich, daß der Sabotageakt eine ohnmächtige Demonstration der Empörung war, die beweist, daß es nicht nur Anpassung gab. In der Erinnerung daran leistet die Erzählung "ein Stück Trauerarbeit" 44 und setzt denen ein Denkmal, die von ihrer Ohnmacht nicht so zu beeindrucken waren, daß sie auf ihre moralische Integrität verzichtet hätten.

Als zweite Potenz, an welche die Nazi-Herrschaft nicht heranreicht, bringt "Das siebte Kreuz" die Geschichte ins Spiel. Der Blick auf die Geschichte führt keinen neuen Inhalt ins Feld - die Formel von der Kraft der Schwachen kann als "eine unverwechselbare Signatur von Seghers' Geschichtsauffassung" gelten 45 -, er erweitert aber den Umkreis der Zeugnisse für die Endlichkeit noch der gewaltigsten Mächte. In auffälliger Analogie zu Walter Benjamins Metapher vom Engel der Geschichte, der, mit dem Rücken zur Zukunft durch die Zeit fliegend, unter sich nur ein wachsendes Trümmerfeld erblickt,46 erscheint die Geschichte im "Siebten Kreuz" als Folge einander abwechselnder Gewalten. Sie bezeugt die perennierende Rücksichtslosigkeit der Mächtigen und das fortgesetzte Leiden derjenigen, die unter das Rad der Geschichte geraten. Dafür stehen zahlreiche Andeutungen, von denen zwei hervorzuheben sind, weil sie lokale Ereignisse treffend zu welthistorischen Schlüsselerlebnissen erheben.
Die erste bezieht sich auf die Mainzer Republik des Jahres 1793: Als im Jahr 1792 französische Truppen die linksrheinischen Gebiete besetzten, gründeten in Mainz Anhänger der Revolution die "Gesellschaft der Freunde von Freiheit und Gleichheit", die versuchte, in der Stadt und im Gebiet zwischen Koblenz und Landau demokratische Strukturen einzurichten 47; der "Rheinisch-deutsche Nationalkonvent", der daraus entstand, rief am 17. März 1793 die erste Republik aus, woraufhin die Truppen der antifranzösischen Koalition Mainz besetzten und eine grausame Verfolgung der Republikaner einleiteten. Eine gewisse Wiederholung fanden diese Ereignisse im Vormärz und im Jahr 1848. Mainz, an den Rändern der Einflußbereiche Preußens und Österreichs gelegen, war ein Treffpunkt und Aufenthaltsort demokratischer und sozialistischer Radikaler, wegen des hier herrschenden politisch-kulturellen Klimas wie wegen des Umstands, daß von hier aus leicht ins westliche Ausland zu fliehen war. Unter ihnen befand sich ein gewisser Carl Wallau, ein gelernter Drucker, der in radikalen Gesellen- und Arbeitervereinen verkehrte und in Paris bzw. Brüssel Kontakt zu Heinrich Heine, Karl Marx und Friedrich Engels hatte. Während der revolutionären Unruhen von 1848 erließ er den Aufruf, Mainz zum Zentrum der deutschen Arbeiterbildungsvereine zu machen. Es ist anzunehmen, daß die Erinnerung an diese historischen Figur mit im Spiel war, als Anna Seghers der kommunistischen Leitfigur den Namen Wallau gab, auch wenn der historische Wallau nicht als Präfiguration von Heislers Freund gelten kann - in den sechziger Jahren aus dem Exil nach Mainz zurückgekehrt, gründete er eine Druckerei, wurde ein geachteter Bürger und schließlich der erste Mainzer Oberbürgermeister. Die ersten beiden Versuche, auf deutschem Boden eine demokratische Republik zu errichten, sind im Roman präsent, es wird aber auch deutlich, daß mehr als ein kurzer Tanz um "Freiheitsbäume" und "zwei Fädchen geronnenes Blut" 48 aus diesen Anstrengungen nicht geworden ist.
Der zweite Hinweis erinnert an das Pogrom, das 1096 im Vorfeld des ersten Kreuzzugs an den Juden in Mainz und anderen rheinischen Städten verübt wurde und in Anlaß und Ausmaß Parallelen zur nationalsozialistischen Judenvernichtung aufweist. [...] An das Pogrom erinnert ein knapper Hinweis: "[...] den Wein brauchten alle für alles, [...] die Kreuzfahrer, um Juden zu verbrennen, vierhundert auf einmal auf dem Platz in Mainz, der noch heute der Brand heisst". 49 Die Lakonik verbirgt den aktuellen Bezug nicht. In einem Text, der kurze Zeit nach der "Reichskristallnacht" vom 9./10. 11. 1938, dem Auftakt zur systematischen Eliminierung der Juden, entstand, bringt Anna Seghers die Judenverfolgung zur Sprache. Sie hebt aber nicht deren Singularität hervor, sondern reiht sie ein in ein Kontinuum historischer Gewalttaten, die aus religiösem Fanatismus, aus politischer Intoleranz oder aus einem bedingungslosen Machtwillen verübt werden, der die Reiche zerstört wie er sie gründet.
Die Vorstellung eines solchen Kontinuums von im Grunde austauschbaren Gewalten ist für den Roman aus einem doppelten Grund wichtig. Zum einen demonstriert es, daß von der Geschichte, die von den Mächten gemacht wird, nichts anderes zu erwarten sei als der Fortschritt der Gewalt. Zum zweiten enthält es die eschatologische Pointe der Seghersschen Geschichtsinterpretation; eine Pointe, die das Heil allerdings nicht am Ende der historischen Umbrüche erwartet, sondern es in ihrer Immanenz erblickt: Im Kontinuum der Gewalten nämlich behauptet sich auf Dauer nicht die Gewalt, sondern die Menschlichkeit, die alle mit Füßen treten, ohne sie zerstören zu können. Die Revue historischer Szenen im ersten Kapitel schließt mit einem Feuerwerk, mit dem das nationalsozialistische Deutschland die Rückgewinnung der deutschen Souveränität über Mainz feiert - entsprechend dem Versailler Vertrag war Mainz bis 1930 französisch besetzt und Sitz der Interalliierten Kommission für die linksrheinischen Besatzungsgebiete –, und in dieser Feier kündigt sich auch schon das Ende der nationalsozialistischen Macht an: "War das abends ein Feuerwerk! [...] Tausende Hakenkreuzelchen, die sich im Wasser kringelten! Wie die Flämmchen darüberhexten! Als der Strom morgens hinter der Eisenbahnbrücke die Stadt zurückliess, war sein stilles bläuliches Grau doch unvermischt. Wieviele Feldzeichen hat er schon durchgespült, wieviele Fahnen." 50
Die historischen Mächte vergehen, und es bleibt eine supraepochale, gegen die Macht-Geschichte resistente Humanität. Sie kommt in den historischen Umbrüchen immer wieder auf spektakuläre Weise zum Vorschein - vielfältige kurze Hinweise, die über den ganzen Roman verstreut sind, verweisen nicht nur auf die demokratischen Revolutionsversuche, sondern häufiger noch auf die Kämpfe der Sozialisten und Kommunisten zu Beginn der Weimarer Republik -, vor allem aber findet der Roman sie in der unauffälligen Kontinuität eine menschengemäßen Kultur.
Die Dingsymbole, welche die Gegenwart dieser Kultur bezeugen, sind dem natürlichen Reichtum der Region entnommen, der durch jahrhundertelange Arbeit verfeinert wurde: die Äpfel und der Wein. Sie ist auch präsent im Bedürfnis von Menschen, die nach dem Einklang des gemeinsamen Genusses wie der gemeinsamen Mühe verlangt, weil dieser Einklang von ihnen als eine unhintergehbare Zugehörigkeit verstanden wird, die über die Befriedigung des einzelnen Interesses hinaus reicht. Diese Kultur verschmilzt Vorstellungen der sinnhaften Einheit der Menschen untereinander mit Vorstellungen von der Einheit der Menschen mit der Natur, dem Land wie dem Strom, dessen Fließen h das der historischen Zeit steht.
Analoges gilt für die Landschaft der Stadt. Der städtische Raum enthält Ikonen, in denen das humane Substrat der Geschichte vergegenständlicht ist. Die eindringlichsten Beispiele dafür finden sich im Bericht von der Nacht, die Georg im Mainzer Dom verbringt. Schon der Umstand, daß Georg zufällig in dieses Versteck hineingerät, enthält die Suggestion, der Dom sei es gewesen, der dem Flüchtling in seiner uralten Bestimmung als Asyl der Bedrängten entgegenkam und ihm eine "Gnadenfrist" gewährte, "einen so gewaltigen Aufschub, dass er ihn fast mit Rettung verwechselte" 51. Auch die Topographie der mittelalterlichen Gassen um den Mainzer Dom wie in der alten Frankfurter Innenstadt, durch die Georg seinen Verfolgern entkommt, wird symbolisch aufgeladen: Ihr Labyrinth bildet einen Schutzraum, den der Gehetzte selber nicht überblickt, der ihn aber verbirgt, so daß die Ankündigung von Geborgenheit mitten in der Verfolgung zutage tritt.
Die dritte Antwort auf die Frage, worauf die Gewißheit einer der nationalsozialistischen Macht unzugänglichen Kraft des Widerstehens sich gründen könne, verweist auf die Landschaft der Region, ihre seit Jahrhunderten kultivierte und humanisierte Natur, wie auf ihre Stadtlandschaften. So materialisiert sich die Hoffnung, indem der Hoffnungsträger ästhetisiert wird. Der Roman verleiht den natürlichen und architektonischen Gegebenheiten die Bedeutung von Denkmälern, die den supraepochalen humanen Sinn der Geschichte in ihre äußere Gestalt aufgenommen haben, so daß er gegenwärtig ist, auch wenn dieselben Gegebenheiten gegenwärtig den Schauplatz einer menschenverachtenden Herrschaft abgeben. Kurz: Weil in den Denkmälern vergangener Mächte die Vergänglichkeit auch der jetzigen Macht verbürgt ist und weil die natürlich-kulturelle Umwelt voll von Zeugnissen einer unantastbaren Humanität ist, deshalb ist der Lebensraum derer, die der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus unterliegen, für sie nach wie vor Heimat. [...]

Seitenzahlen in Klammern oder ohne weitere Quellenangabe beziehen sich auf die Seitenzahlen in der neuen Werkausgabe. Die bibliographischen Angaben wurden für diese Textauswahl ergänzt, wenn die Autoren bei Mehrfachnennung einer Quelle statt der vollständigen Angabe Kurzformen gewählt haben.

40 S. 168. >>zurück

41 S.90. >>zurück

42 S. 131. >>zurück

43 Der Erzählungszyklus mit dem Titel "Die Kraft der Schwachen" erschien erst im Jahr 1965. Das Motiv findet sich aber bereits in den frühen Erzählungen. >>zurück

44 Alexander Stephan, a. a. 0.[= Alexander Stephan: Anna Seghers, Das siebte Kreuz. Welt und Wirkung eines Romans. Berlin (Aufbau Taschenbuch Verlag) 1997, Anm. d. Red.], S. 104. >>zurück

45 Jochen Vogt: Was aus dem Mädchen geworden ist. Kleine Archäologie eines Gelegenheitstextes von Anna Seghers, in: Argonautenschiff. Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft 6 (1997), S. 121-136, Zit. S. 123. >>zurück

46 Walter Benjamin: "Über den Begriff der Geschichte" (1940), in: WB.: Gesammelte Schriften, Bd. I.2, a. a. 0. [= Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1974, Anm. d. Red.], S. 697f. >>zurück

47 Vgl. sechste Anm. zu S.14. >>zurück

48 S.15. >>zurück

49 Vgl. S. 14 und fünfte Anm. dazu. >>zurück

50 S. 15f. >>zurück

51 S.76. >>zurück

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